Reisen mit (Klein-) Kindern

 


Tagesrückblick auf der Videokamera

Anreise
Gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, zumindest Teile der Anreise auf die Abend- oder Nachtstunden zu verlegen. Bei gleichmäßiger Fahrt in der Dunkelheit schlafen Kinder bald ein und mit dem Wohnmobil bekommt man zu jeder Zeit auf der nächsten Autobahnraststätte einen Stellplatz für die restliche Nachtruhe. Ein Problem lässt sich trotzdem kaum lösen: das aus Sicherheitsgründen unumgängliche lange Festgeschnalltsein im Sitz. Tagsüber muss man da schon für viel Abwechslung sorgen: Märchenkassetten, gemeinsame Ratespiele, Singen, häufige Pausen und vieles mehr.
Natürlich gibt es auch hier Grenzen. 1990 z. B. haben wir unseren Urlaub in der Osttürkei begonnen (Anreise München - Adana:  3500 km = 5 Tage Fahrt). Dies ist mit Kindern natürlich unmöglich. Da bleibt nur die kostenintensive Alternative, Mutter und Kinder mit dem Flugzeug zum Reiseziel zu bringen.

Keine falsche Erwartungen
Dass Kinder sich kaum von Ausgrabungsstätten beeindrucken lassen („schon wieder alte Steine“), wird nicht sonderlich verwundern, aber auch ansonsten darf man nicht erwarten, dass Kinder sich für die gleichen Sehenswürdigkeiten begeistern können wie wir, beispielsweise für schöne Landschaften. Darüber hinaus ergeben sich auch geschlechtspezifische Unterschiede: während unser Sohn vor Begeisterung je mehr aus dem Fenster hing, desto aufregender die Geländestrecken wurden, machte sich unsere Tochter nur Gedanken über möglicherweise überfahrende Blümchen. Es kann unter Umständen sein, dass den Kindern das abendliche Lagerfeuer mehr Spaß macht als all die Sehenswürdigkeiten des Tages.

Auf das Land vorbereiten
Es ist gerade bei außereuropäischen Ländern sehr wichtig, Kindern ein Gefühl für die unterschiedliche Kultur und Lebensweise des Gastgeberlandes zu vermitteln. Wenn man z.B. an einem Brunnen in der Wüste steht und beobachtet, wie einheimische Kinder von weit her mit dem Esel kommen, um für die Familie Wasser zu besorgen, ergibt sich daraus jede Menge Gesprächsstoff.
Ein kleines Problem in südlichen Ländern ist, wenn man mit blonden Mädchen unterwegs ist. Hier ist fast vorprogrammiert, dass alle versuchen, mit der Hand über die Haare zu streichen, was den Mädchen meist sehr unangenehm sein dürfte.
Ansonsten sind Kinder gerade in arabischen Ländern fast der Garant dafür, dass man selber überall mit großer Freundlichkeit empfangen wird!

Ein schwieriges Thema: Sicherheit während der Fahrt im Reisemobil
Dass gerade bei Wohnmobilen  Sicherheitsmängel bezüglich der hinteren Sitzplätze festzustellen sind, ist allgemein bekannt. Lebensgefährlich wird es, wenn Kinder während der Fahrt im Fahrzeug herumtollen (was man auf italienischen Autobahnen oft sieht).
Nicht minder problematisch ist, wenn die hinteren Sitzplätze quer zur Fahrtrichtung angeordnet sind. Dies bietet zwar ungeheuere Vorteile für die Raumaufteilung (aus einer gemütlichen Sitzecke für 4 - 6 Personen wird eine ebenso gemütliche Schlaffläche für 2-3 Personen) und hat den weiteren Vorteil, dass diese Plätze kaum einer Vorschrift unterliegen, d. h. leicht selbst hergestellt werden können und ohne Probleme vom "TÜV" eingetragen werden. Was aber im Falle eines Unfalls passiert (man muss auf diesen Plätzen in der BRD nicht einmal angeschnallt sein), malt man sich besser nicht aus.
Auch beim Ausbau unseres momentanen Wohnmobils (siehe "Fahrzeuge") waren mir mit der Problematik konfrontiert. Wir haben wegen der besseren Raumaufteilung hinten auch für seitliche Sitze entschieden, aber nachdem wir  nur mehr zu Dritt unterwegs sind, haben wir das Problem durch eine Doppelbeifahrerbank gelöst.
Fazit:
Bei der Wahl zwischen einer optimalen Raumaufteilung und -nutzung und der optimalen Sicherheit wird es unserer Meinung nach keinen zufrieden stellenden Kompromiss geben.

Viele, die in jungen Jahren das Reisefieber gepackt hat, werden irgendwann einmal vor dem Problem stehen, wie sich Abenteuerlust mit einem Kinderwunsch in Einklang bringen lässt. Ich meine dabei natürlich nicht die Touristen, die via Charterflug direkt zum Urlausziel gelangen und dort zwei oder drei Wochen wohlklimatisierten Hotelaufenthalt gebucht haben. Hier ist die Mitnahme von Kindern jeglichen Alters inzwischen eine Selbstverständlichkeit.

Ich spreche also von Individualtouristen wie uns, die zuerst hunderte, oft tausende Kilometer auf der Autobahn und dann viele Stunden, oft Tage auf irgendeiner Fähre verbringen, bevor der anstrengende Urlaub überhaupt erst beginnt - und das Ganze auch noch während der heißesten Sommermonate, sobald die Kinder schulpflichtig sind. Unter diesen Voraussetzungen kommt schnell die Frage auf, ob man die Strapazen eines Abenteuerurlaubs seinen Kindern überhaupt zumuten sollte (und viele Großeltern, Freunde oder Verwandte werden versuchen, einen davon abzuraten!)

Wir haben auf diesem Gebiet nun 18 Jahre lang Erfahrung sammeln können und möchten deshalb einige Aspekte dazu erörtern.

Das Wichtigste zuerst:

Generell sind wir der Meinung, dass Kindern jeden Alters auch anstrengende (Abenteuer-)Urlaube zuzumuten sind. Natürlich gilt dies nur unter bestimmten Voraussetzungen und selbst dann wird es immer wieder Frustrationen geben, wir erinnern uns z.B., als eines unserer Kinder im ausgeprägten Krabbelalter sich überhaupt nicht damit abfinden wollte, dass mitten in der sardischen Macchia der Wirkungskreis auf eine 3 m² große Decke beschränkt sein sollte.
Natürlich - und das soll keineswegs verharmlost werden - muss man sich des Risikos bewusst sein, dass man im Ernstfall (Krankheit, Unfall) die Verantwortung trägt für eine  mangelhafte bez. völlig fehlende medizinischen Versorgung seiner Kinder.

Was sollte also beachtet werden:

Eigenes Fahrzeug
Grundvoraussetzung für die Mitnahme von Kleinkindern scheint uns das eigene Fahrzeug (am besten ein Wohnmobil) zu sein. Dieses  bietet den Vorteil, dass immer ein Stück gewohnter Umgebung dabei ist, man genügend Platz für die Mitnahme von Spielzeug usw. hat und vor allem ein in hygienischer Hinsicht kontrollierbares Umfeld zur Verfügung steht. Des Weiteren ist man nicht auf die möglichen Gefahren der einheimischen Küche angewiesen.
 

         
Skida (Algerien, 89)             Tunis (1989)               Ghat (Libyen, 2002)

Andere Begleiter zu finden, die ebenfalls Kinder haben und trotzdem Abenteuerreisen unternehmen, ist oft schwierig, da sich viele nicht vorstellen können, dass man beide Komponenten durchaus miteinander verbinden kann. Eine befreundete Familie von uns hat sich zu dem Thema noch weitere Gedanken gemacht:

        

Ab dem jeweils ersten Lebensjahr haben wir unsere drei Töchter (mittlerweile elf, neun und fünf Jahre alt) auf unsere Reisen, die uns mit einem VW-Bus Syncro 16`` und seit kurzem mit einem Iveco Turbo Daily 4x4 vor allem nach Nordafrika und in den Nahen Osten (auch abseits der Straßen )führen, mitgenommen....und uns manches Mal anhören müssen: ...die armen Kinder, kommen die auf ihre Kosten... die Hitze... das lange Autofahren...

Wir glauben:...die Kinder kommen auf ihre Kosten... Kinder vertragen Hitze zuweilen besser als Erwachsene... Autofahren muss nicht immer langweilig sein...

wenn man auf ein paar Dinge achtet:

Reisevorbereitungen: Wir haben alle drei Kinder jeweils mit Lichtbild in beide Pässe der Eltern eingetragen.

Die Reiseapotheke muss selbstverständlich auch auf die mitreisenden Kinder abgestimmt sein.

Wichtig ist wegen der zu erwartenden Hitze leichte, luftige Kleidung, die auch Arme, Beine und den Nacken ganz bedeckt und ein großer Sonnenhut, der auch die Ohren schützt, sowie feste Schuhe.

Zur Standardausrüstung gehören für jedes Kind ein eigener Walkman mit vorher ausgesuchten Lieblingskassetten, Malzeug und Bücher, Puppe oder Kuscheltier zum guten Einschlafen. Kinder brauchen nicht viel, dass auch das Reisefahrzeug für sie zur „Heimat“, zum Rückzugsraum wird.

Für die Kinder haben wir die Verpflegung komplett dabei, was im Fahrzeug schwer wiegt, aber „Montezumas Rache“ vorbeugt. Mit dabei sind auch leckere „Salzigkeiten“, z.B. Salzstangen, die den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen und haltbarer sind als Gummibärchen, die zum großen Klotz verkleben und Schokolade, die nur platzraubend im Kühlschrank „überleben“ kann. Und: auch mit einem Lutscher lässt sich (ganz „unpädagogisch“) eine lange Fahrstrecke verkürzen.

Falls unterwegs etwas passiert: Krankenversicherung bei einem renommierten Unternehmen abschließen, die auch einen Krankenrückflug auf eigenen Wunsch miteinschließt.

Unterwegs: Schon der Weg ist das Ziel, d.h. eine „Vertröstung“ auf einen Zielpunkt vermeiden. Schon als die Kinder noch klein waren, haben wir darauf geachtet, ihnen unterwegs auch aus dem Auto heraus viel zu zeigen bzw. sie entdecken zu lassen (Menschen am Straßenrand; sich ändernde Landschaften; Tiere) und darüber zu reden (auch Zweijährige machen schon ihre eigenen Beobachtungen).

 Für Kinder „langweilige“ Strecken brauchen natürlich ein „Animationsprogramm“: die mitgenommenen Bücher oder Kassetten kommen zum Einsatz (wobei es die Stimmung und Motivation hebt, auch einige neue Bücher oder Kassetten als Überraschung mitgenommen zu haben), wir machen Ratespiele oder singen, Papier und Stifte (Filzer trocknen ein!) werden verteilt (ein mitgenommenes dünnes Brett, mit einem Gummi am Kindersitz befestigt, dient als „Schreibfläche“).

Wichtig ist, die Kinder (auch schon die Kleinen) am Vorabend oder am Morgen „einzuweihen“ in das, was der kommende Tag bringen wird: was spannend oder anstrengend wird (auch für die Eltern), was es zu sehen geben wird (vielleicht zum ersten Mal... überhaupt... in diesem Urlaub)......

                     

.... und (für Kinder besonders interessant), wo man voraussichtlich übernachten wird. Campingplatz heißt für die Kinder: Wasser zum Spielen (vielleicht nach Anfrage auch im Pool in der Anlage eines Hotels, was vor allem in Tunesien gut möglich ist); Wäsche waschen helfen; ein besonders kaltes Getränk zur Belohnung; andere Kinder zum Spielen. Freies Übernachten kann heißen: frühere Ankunftszeit und Feuerholz-Suchen; viel Platz haben; in völliger Ruhe Sternschnuppen beobachten können... und: beide Arten des Übernachtens haben ihren Reiz.

Die Kinder dürfen, wenn sie „Jäger- und Sammler-Typen“ sind, alles mitnehmen, was ihnen „andenkenswert“ erscheint (besondere Steine, Muscheln, Palmwedel...) und auch ein Haargummi oder ein kleines Täschchen, nach zähen Verhandlungen gekauft in irgendeinem Souk, ist ein großer Schatz.

Wir haben es eingeführt, dass jedes der Kinder (schon ab der ersten Klasse) ein eigenes Tagebuch (mit Sichthüllen) führt. Auf diese Art kann man mit den Kindern zusammen den Tag noch einmal in Gedanken durchgehen (was war schön, was hat dir gefallen, dich besonders beeindruckt, geärgert...?) und die Stimmung erfahren. Für das Tagebuch können die Kinder schon unterwegs alles mögliche sammeln und organisieren, was sich irgendwie einkleben oder in einer Sichthülle verstauen lässt (von Postkarten über arabische Getränkeflaschenetikette bis hin zu Fährprospekten; für Länder, wo Postkarten rar sind: Prospekte oder aus Reiseführern kopierte Bilder zum dann vor Ort Ausschneiden schon von zuhause mitnehmen).

Wir schauen auch immer darauf, dass die Kinder selbstverständlich ihrem Alter gemäß kleine Aufgaben und damit auch ein Stück „Verantwortung übernehmen“: z.B. abends die Campingmöbel aufstellen und morgens wieder einpacken, abspülen und abtrocknen, die Große schon einmal die Routenvorleserin und GPS-Punkte-Markiererin machen lassen. Je mehr dieses Einbeziehen gelingt – und es muss jeden Urlaub neu ausprobiert werden, was anfangs immer ein paar Tage und zwischendrin auch immer wieder  Nerven kostet -, desto besser geht es allen Beteiligten.

 Und ein paar Badetage sind natürlich selbstverständlich... .

Grundsätzliches: Derartige Reisen mit Kindern bedürfen in allen Bereichen einer gründlichen und sorgfältigen Planung. Bei aller Vorsicht bleibt vor allem, was die Gesundheit betrifft, die bei Kindern schwer wiegt, ein Restrisiko.

Was gewinne ich? Als Familie mit Kindern gerade in arabischen Ländern reisen, heißt, ein hohes Ansehen zu genießen, überall äußerst gastfreundlich aufgenommen zu werden und hinter manche Türe blicken zu können, die einem als Einzel- oder Großgruppenreisenden verschlossen bliebe.

Und: Kinder machen bei diesen Reisen Erfahrungen, die sie sonst nie machen können: dass Wasser etwas Kostbares ist; dass es Kinder gibt, die vieles, was für sie selbstverständlich ist, entbehren müssen; dass es verschiedene Kulturen gibt, die alle gleich achtenswert sind... – Erfahrungen, von denen wir hoffen, dass sie dazu beitragen, die Kinder zu vielseits interessierten, „geerdeten“, offenen, toleranten Menschen werden lassen... Inshallah!

Romana und Christian Kube
(nach Rücksprache mit Miriam, Hannah und Lea)

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